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Jahresbericht 2025: Antiziganistische Vorfälle in Rheinland-Pfalz

Neuer Jahresbericht von MIA RLP: Deutlicher Anstieg dokumentierter antiziganistischer Vorfälle im Jahr 2025

Veröffentlicht am: 3. Juni 2026

Kategorie: Pressemitteilungen, Dokumentation, Antidiskriminierungsarbeit

Am 1. Juni 2026 wurde im Rahmen einer Pressekonferenz im Ministerium des Innern und für Sport Rheinland-Pfalz der dritte Jahresbericht der Melde- und Informationsstelle Antiziganismus (MIA RLP) offiziell vorgestellt. Der Bericht für das Dokumentationsjahr 2025 legt offen, dass Antiziganismus, Diskriminierung und rassistische Herabwürdigungen weiterhin eine tief verankerte, alltägliche Realität für Sinti, Roma, Jenische und andere Betroffene in unserem Bundesland darstellen.

Deutliche Zunahme der Fallzahlen bei hoher Dunkelziffer

Für das Jahr 2025 dokumentierte MIA RLP insgesamt 100 antiziganistische Vorfälle (im Vergleich zu 59 Vorfällen im Jahr 2024). Dieser signifikante Anstieg ist umso bemerkenswerter, da die Regionalstelle in der ersten Jahreshälfte 2025 aufgrund einer temporär fehlenden Finanzierung nicht besetzt war. Die dokumentierten Fälle konzentrieren sich daher stark auf die zweite Jahreshälfte.

Der Zuwachs lässt sich primär auf die gestiegene Sichtbarkeit der Meldestelle sowie auf eine Premiere in der Zusammenarbeit zurückführen: Erstmals wurde für das Jahr 2025 eine offizielle Fallübermittlung durch das Landeskriminalamt (LKA) Rheinland-Pfalz realisiert, welche 20 strafrechtlich relevante Delikte zur Gesamtzahl beitrug. Dennoch betont MIA RLP, dass weiterhin von einer erheblichen Dunkelziffer auszugehen ist, da viele Betroffene aus tief sitzendem Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen oder aus Sorge vor negativen Konsequenzen auf offizielle Meldungen oder Anzeigen verzichten.

Formen und Ausprägungen der Vorfälle

Die qualitative Einordnung der Vorfälle zeigt ein vielschichtiges, oft bedrohliches Lagebild im Alltag:

  • (Non)verbale Stereotypisierung und Herabwürdigung (65 Fälle): Diese Kategorie bildet nach wie vor den größten Anteil. Hierunter fallen verbale Angriffe, rassistische Beleidigungen sowie die weitreichende Verwendung der diskriminierenden Fremdbezeichnung (in 53 von 100 Gesamtfällen nachgewiesen).

  • Diskriminierung (27 Fälle): Hier ist ein drastischer Anstieg im Vergleich zum Vorjahr (11 Fälle) zu verzeichnen. Dokumentiert wurden institutionelle Ausschlüsse und Benachteiligungen im Bildungswesen, in Behörden, bei der Gesundheitsversorgung sowie auf dem Wohn- und Arbeitsmarkt.

  • Körperliche Angriffe & Bedrohungen (8 Fälle): Es wurden sechs physische Angriffe sowie zwei explizite verbale oder nonverbale Gewaltandrohungen registriert.

Besorgniserregende Trends: Migration und NS-Bezug

Der Bericht hebt eine deutliche Zunahme des migrationsbezogenen Antiziganismus hervor (Anstieg auf 14 % der Fälle). Dieser richtet sich vermehrt gegen zugewanderte Menschen aus Südosteuropa und äußert sich unter anderem in systematischer Arbeitsausbeutung.

Gleichzeitig verbleibt der NS-bezogene Antiziganismus mit 12 Fällen auf einem hohen Niveau. Nahezu alle dieser Fälle – wie das Anbringen rassistischer Schmierereien mit direktem Bezug zu den nationalsozialistischen Vernichtungslagern – sind hochgradig strafrechtlich relevant. Ein regionaler Hotspot hierfür war im Jahr 2025 erneut die Stadt Koblenz.

Betroffene und das gesellschaftliche Umfeld

In 67 Fällen richteten sich die Vorfälle direkt gegen Individuen oder konkrete Personengruppen. Auffällig ist, dass Frauen (30 Fälle) deutlich häufiger direkt adressiert wurden als Männer (15 Fälle). Besonders sensibel stimmt der Blick auf das Alter: Fast ein Viertel der Fälle mit bekannter Alterszuordnung betraf Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, primär im schulischen Kontext.

Hinsichtlich des Verhaltens von Zeuginnen und Zeugen (Dritte) zeigt sich ein gespaltenes Bild: In vielen Fällen schauten Dritte weg oder ignorierten die Situation (13 Fälle), was für die Betroffenen oft eine zusätzliche psychische Belastung darstellt. Demgegenüber stehen 10 Fälle, in denen aktiv Solidarität gezeigt und gegen den Antiziganismus eingetreten wurde.

Zentrale Lebensbereiche: Internet und Wohnen im Fokus

Der digitale Raum bleibt mit 18 Vorfällen der statistisch häufigste Tatort. Hassrede im Netz normalisiert Ressentiments und bereitet den Boden für direkte Anfeindungen. Unmittelbar dahinter folgt der Lebensbereich Wohnen (13 Fälle), gefolgt von Interaktionen in Behörden, im Arbeitsumfeld und in Bildungseinrichtungen (jeweils 7 Fälle). Erstmalig konnten 2025 zudem Vorfälle im öffentlichen Personennahverkehr (5 Fälle) und im organisierten Sport (2 Fälle) explizit erfasst werden.

Politische und gesellschaftliche Forderungen

Michael Hartmann, der Beauftragte gegen Antiziganismus des Landes Rheinland-Pfalz, betont in seinem Grußwort, dass die Bekämpfung dieser Diskriminierung eine gesamtgesellschaftliche Daueraufgabe sei, die ein enges Zusammenwirken von staatlichen Stellen und den betroffenen Communities verlangt.

MIA RLP formuliert auf Basis der Erkenntnisse klare Kernforderungen: Eine nachhaltige und dauerhafte Finanzierung der Monitoring-Strukturen, eine stärkere Berücksichtigung des Themas in schulischen Lehrplänen sowie die verpflichtende Wahrnehmung von Fortbildungsangeboten durch pädagogisches Personal, Behördenmitarbeitende und die Polizei.

Antiziganismus erlebt oder beobachtet? Schauen Sie nicht weg!

Falls Sie einen antiziganistischen Vorfall erlebt oder miterlebt haben, können Sie diesen niedrigschwellig, vertraulich und auf Wunsch vollständig anonym an MIA RLP melden:

📍 Online-Meldung: www.mia-rlp.de/vorfall-melden
📧 E-Mail: mia-rlp@mia-bund.de
📞 Telefon: +49 (0)160 924 717 57 (Anruf, Nachricht oder Sprachnachricht)
📱 Instagram: @mia_rheinland_pfalz